16.04.2020

Innovative Neurotherapien dringend gesucht –

Ist Neurotechnologie die Lösung?

Wir leben in schwierigen Zeiten in Sachen Gesundheit. Nicht nur das Aufkommen neuer Erkrankungen hat uns das gerade sehr deutlich vor Augen geführt. Auch viele bekannte Erkrankungen können nicht hinreichend versorgt werden. Darüber hinaus stellt das Altern der Gesellschaft neue Herausforderungen, während die Entwicklung neuer Pharmazeutika stagniert. Lösungen können aus neueren Ansätzen wie Neurotechnologie und bioelektronische Medizin entstehen.

Mehrere Studien seit der Jahrtausendwende haben gezeigt, dass die neurologischen Erkrankungen insgesamt zunehmen. 2014 bereits haben Monica DiLuca und Jes Olesen die Kosten, die neurologische und psychiatrische Erkrankungen in Europa verursachen, auf knapp 800 Milliarden Euro beziffert – mit wachsender Tendenz. Dies umfasste sowohl die Kosten für die direkte medizinische Versorgung der Patienten, krankheitsbedingte zusätzliche Versorgung in Form von Pflege, Hilfsmitteln u.ä. wie auch die volkswirtschaftlichen Kosten durch Arbeitsausfall etc.

Neurotechnologie und bioelektronischer Medizin setzen beide jeweils auf eine elektrische Stimulation von Nervengewebe als therapeutisches Mittel. Dieser Ansatz hat sich in den vergangenen Jahren in der Forschung als sehr vielversprechend erwiesen. Für immer mehr klinische Anwendungen werden mögliche Therapie-Formen untersucht. Der Transfer dieser Forschungsergebnisse in Medizinprodukte für den klinischen Alltag benötigt jedoch viel Zeit, insbesondere da häufig die ideal geeigneten Technologien fehlen.

Prof. Thomas Stieglitz, Mitglied im Wissenschaftlich-Technischen Beirat von CorTec, hat kürzlich ein Plädoyer für mehr Mut und Verve in der Entwicklung von Technologien für die Erforschung und Entwicklung von innovativen Neurotherapien formuliert: “Auch die Wissenschaft ist in der Verantwortung, über die Grundlagenwissenschaft hinaus ihre Beiträge zur Überführung von Ideen in marktfähige Produkte im Sinne translationaler Forschung zu leisten. Die Diskussion, ob grundlegende oder angewandte Wissenschaft ‚besser‘ ist, hilft keinem einzigen Patienten, der auf eine neue Therapie wartet.“

Ein Beispiel für das Ergebnis solcher Entwicklungsarbeit ist die Brain Interchange Technologie-Plattform von CorTec. Als Komplett-System wird sie bald responsive Anwendungen im sogenannten Closed-Loop unterstützen: In diesem Fall misst das System kontinuierlich das Feedback des Körpers, analysiert die gewonnenen Daten eigenständig und berechnet in die therapeutische Aktivität entsprechend. Somit werden personalisierte Therapien möglich, die sich am akuten Behandlungsbedarf des Patienten orientieren.

Die einzelnen Komponenten der Brain Interchange Plattform wie beispielsweise implantierbare Elektroden sind als Interfaces zum zentralen wie zum peripheren Nervensystem bereits für unterschiedliche Anwendungen im Einsatz. Sie unterstützen unterschiedliche Bereiche der Grundlagenforschung über die Forschung nach konkreten therapeutischen Ansätzen bis hin zur Entwicklung von medizinischen Implantaten für verschiedene neuartige Therapieformen.

 

Weiterführende Literatur:

DiLuca, M., and Olesen, J. (2014). The cost of brain diseases: a burden or a challenge? Neuron 82, 1205-1208

Stieglitz T. (2020). Of Man and Mice: Translational Research in Neurotechnology. Neuron 105, 12-15